Glaube & Macht - Sachsen im Europa der Reformationszeit 2. Sächsische Landesausstellung 2003, Torgau, Schloss Hartenfels
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Sächsische Zeitung vom 31.05.2003-08-28

Sanft kräuselt Sandstein

Im Schloss Hartenfels wurde gestern das Lapidarium eingeweiht

Von Karin Großmann
Hier fehlt ein Fuß und da eine Nase. Der Hund hat vor Schreck den Kopf verloren. Eine Ranke rankt und bricht plötzlich ab. Nur die rundbrüstige Schöne bläst unangefochten ihre Trompete. Warum sie es tut, wird man nie erfahren. Vielleicht trompetet sie das Jagdglück aus. Es gab viel Wild in den Wäldern rund um Schloss Hartenfels, und die hohen Herren liebten die Jagd. Johann Friedrich zum Beispiel, genannt der Großmütige. Er hat dem Torgauer Schloss die rechte Fassung gegeben. Ein ehrgeiziger Fürst, Führer des Schmalkaldischen Bundes, einer der mächtigsten Protestantischen Herrscher im Reich.

Ohne Rücksicht auf Ruhm und Ehre hat sich die Zeit auch an ihm gerieben. Johann Friedrich ist heute eine bröckelige Sandsteinfigur, versehrt wie Hund oder Blätterranke. Falls da ein markiges Profil war – man darf es leider nicht von jedem Politiker erwarten – ,es ist dahin. Vom rechten Arm ganz zu schweigen. Sanft kräuseln sich noch die Sandsteinlocken im kurzen Bart.

Sehr befremdliche werte Verwandte

Vor fünfhundert Jahren wurde Johann Friedrich geboren, vermutlich in jenen Räumen, in denen sein Ganzkörperportrait steht. Gestern wurde die Ausstellung in der unteren Hofstube von Schloss Hartenfels eröffnet: ein Lapidarium. Lapidar, das ist nur eine kurze lakonische Bemerkung, lapidar nennen die alten Lateiner auch etwas „in Stein gehauen“. Das gilt für die Ausstellungsstücke, doch nicht für die Räume. Sie sind fein gemauert, musterhaft, maßvoll. Schön wölben sich die Bögen über die Zeugen vergangener Jahrhunderte.

Es sind Brüstungsfragmente, Säulenreste, Figurenteile, die irgendwann mal ihren Platz am Schloss hatten und durch Kopien ersetzt worden sind. Der Löwe, der das herzoglich-sächsische Wappen hält, bewachte die Schlossbrücke, unter der die Bärinnen im Klee liegen. Der Löwe wurde ausgetauscht, und auch die Bärinnen dürften nicht mehr dieselben sein. Johann Friedrich nutzte sogar den Bärengraben zur Jagd.

Der Kurfürst hat manchen Streit ausgefochten. Regenten können nicht anders. Seine Verwandten mochte er aber. Die Wappen der werten Vorfahren ließ er rund um den Wendelstein meißeln. Und wenn schon dieser Turm gerühmt wird als „Treppenwunder der Weltkultur“ – wie erst rühmt man die 16 Wappen? Die Feinheit der Sandsteinarbeit, meinen Experten, übersteigt die Grenzen der Materialgerechtigkeit. So diffizil schlägt man sonst nur das Holz. Aus der Nähe sind die Originale jetzt im Lapidarium zu bestaunen. Es scheint in der Reihe der Urahnen Johann Friedrichs einige befremdliche Typen gegeben zu haben. Elisabeth von Visconte führt in ihrem Wappen einen Drachen, der einen Menschen verschlingt. Oder spuckt er ihn aus? Das macht die Sache kaum besser. Die gruselige Szene wird beleuchtet von Lampen, die Fackeln gleichen. Sie werfen ihren Schein auch auf Conrad Krebs, 1532 von Johann Friedrich als Schlossbaumeister bestallt. Offenbar – und zu Recht! – war Krebs von seinem Werk so begeistert, dass er sein Portrait in den Schlussstein des großen Wendelstein hieb, auf ein Erkerfeld, einen Fries, einen Fenstersturz. Seine steinerne Grabplatte wurde jetzt restauriert: das Schmuckstück der Ausstellung.

Kleine werbende Schritte zum Großereignis

Der Verein „Initiativkreis Schloss Hartenfels“ hat die Ausstellung vorbereitet. Vereinschef Frank Kupfer rühmt nachdrücklich „die ABM-Herren“. Das hört man selten. Die Männer räumten die Gewölbe frei vom Schutt der Jahrhunderte, das reichte für über fünfzig Container. Sie mauerten Treppen und legten den Ziegelfußboden neu. Damit verbunden sind Leistungen für rund 250 000 Euro. Der Geschichtsverein kümmert sich nun weiter um die Dauerausstellung.

Am 7. Juni öffnet das Deutsche Historische Museum Berlin eine Schau über die Hofjagd, und so nähert man sich in Torgau mit kleinen, werbenden Schritten dem großen Ereignis des nächsten Jahres, der 2. Sächsischen Landesausstellung. Die Räume sind vorbereitet. Selbst die Leisten sind schon angebracht, an denen die Bilder hängen sollen. Cranach ist auch dabei. Kursachsens Hofmaler hat für Torgau auch Möbel, Teppiche und Gerätschaft entworfen. So muss es nicht wunder, wenn manche rundbrüstige Schöne im Lapidarium an ein Bild des Meisters erinnert.

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