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Süddeutsche Zeitung vom 15./16.03.2003

Wohl behütet in Engelshänden

Im Dom von Freiberg wurden Renaissance – Instrumente entdeckt

Als Veit Heller sich dem Geheimnis der Engel von Freiberg nähert, erinnert sein Vokabular zunächst an eine medizinische Vorsorgeuntersuchung. Der Leipziger Fachmann für Musikinstrumente berichtet von extrem genauen Endoskopien und behutsam genommenen Proben, um sich danach einem sehr aufschlussreichen Röntgenbild zuzuwenden. Es zeigt die Konturen einer mehr als vierhundert Jahre alten Harfe. „Sehen Sie, diese Harfe ist sehr aufwendig gebaut“, erklärt Heller, und es schwingt in seiner Stimme einige Faszination über diese Entdeckung mit. „Das Holz wurde erkennbar fein bearbeitet. Man kann sofort sehen: Dies ist keine Attrappe. Man hätte diesen Aufwand damals niemals treiben müssen, wenn das Instrument nicht hätte klingen sollen!“

Es handelt sich also bei der Harfe, genau so wie bei zwanzig anderen Instrumenten aus den Händen der Engel von Freiberg in Sachsen, nicht um eine Attrappe sondern um ein Originalinstrument – und damit um einen einzigartigen Fund von Instrumenten aus der Renaissance, der enorme Erkenntnisse über das Musikspiel und den Instrumentenbau jener Epoche offenbart. Die mit Goldbronze überzogene Harfe wie auch die kleine Geige, wie die vier Lauten und die drei Schalmeien und weitere Instrumente stammen aus der Erzgebirgsstadt Freiberg. Dort legte man sie – mit der goldenen Schicht überzogen – den goldenen Putten auf einem Sims unter dem Gewölbe in die Hände, als der Chor des Doms zwischen 1585 und 1594 zur Begräbniskapelle der wettinischen Fürsten umgestaltet wurde.

„Lange Zeit wusste man nicht“, berichtet Heller, „welche dieser Instrumente gut gemachte Repliken sind und bei welchen es sich um Originale handelt.“ Vor fünf Jahren kam für das Leipziger Musikinstrumentenmuseum die Chance zur Analyse. Die Begräbniskapelle musste renoviert werden; ein Gerüst wurde aufgebaut. An der eingehenden Untersuchung beteiligten sich seither Forscher aus unterschiedlichsten Disziplinen – von der diagnostischen Radiologie der Universität Leipzig über das Dortmunder Institut für Spektrochemie und angewandte Spektroskopie bis zum Ordinariat für Holzbiologie der Hamburger Universität. Dass die alten Instrumente überhaupt erhalten sind, ist ein Wunder. Damit sie unbeschadet in den Freiberger Dom zurückkehren können, entwickelten Heller und seine Kollegen „berührungsfreie Messverfahren“.

Inzwischen kann Veit Heller feinste Fotografien aus dem Innenraum der Geige oder der Lauten präsentieren, die selbst minimale Werkzeugspuren der Instrumentenbauer jener Epoche zeigen. „Wir sehen hier, wie der Instrumentenbauer damals den Innenraum der Decke gestoßen hat.“ Die Forscher entdeckten Signaturen von Instrumentenbauern und feinste Spuren, die zudem belegen, dass auf einzelnen Instrumenten auch gespielt worden war, bevor sie zu den Putten kamen. Nur neun der dreißig Instrumente erwiesen sich als Attrappen.

Nirgendwo sonst in Europa ist eine Instrumentenbauschule so umfassend und konzentriert belegt wie nun durch dieses Projekt. Und obwohl die vergoldeten Instrumente nicht mehr gespielt werden können, weil selbst der Versuch sie zerstören würde, können durch das Forschungsprojekt historische Klangbilder wieder zum Leben erweckt werden. So wird man erfahren, wie der krumme Zinken, ein Blasinstrument, das nirgendwo mehr erhalten ist, einst geklungen hat. Denn parallel zu den Forschungen sind bereits namhafte Instrumentenbauer aus ganz Deutschland beauftragt worden, getreue Kopien der Freiberger Instrumente auf Grundlage der Forschungsergebnisse zu bauen. Ihnen werden die Fotos und Zeichnungen ebenso an die Hand gegeben wie Laser – Analysen der Oberflächenwölbung oder Diagramme der Holzstärkenverteilung. „Das kann eine aufführungstechnische Revolution auslösen“, verspricht Veit Heller mit Blick auf die Möglichkeit, das Renaissancemusik wieder mit passenden Instrumenten gespielt werden kann. Die Kopien sollen nur der Ausgangspunkt für weitere Nachbauten sein.

Mehrere Musik–Ensembles haben schon angefragt. Für die Öffentlichkeit soll auf den Kopien der Instrumente erstmals bei der Eröffnung der 2. Sächsischen Landesausstellung im Mai 2004 in Torgau gespielt werden. Vorher werden sie aber schon bei einem Kolloquium am Institut für Aufführungspraxis im Kloster Michaelstein im November diesen Jahres präsentiert.

Jens Schneider

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